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„Look at me“ – wenn junge Fotografen zeigen, was sie sehen

Mürzgasse 3. Lena Brandstätter steht vor dem großformatigen Bild an der Wand und bekommt etwas nicht mehr aus dem Kopf: Das Gesicht darauf schaut sie an. Nicht umgekehrt.

Manchmal braucht man nur einen Schritt durch eine Tür, um zu verstehen, dass junge Menschen mehr sehen als man ihnen zutraut. Das KUlturZentrum Kapfenberg zeigt seit dem 9. Oktober eine Ausstellung, die genau diesen Gedanken beweist: „Look at me“ – Fotografien von Schülerinnen und Schülern der HTBLVA Graz-Ortweinschule, der renommierten grafischen Ausbildungsstätte in der steirischen Landeshauptstadt.

Noch bis zum 22. November läuft die Schau. Wer sie bis heute nicht gesehen hat, hat noch gut einen Monat Zeit. Und der Eintritt ist mit 2,50 Euro bewusst niedrig gehalten.

Der Titel ist keine Bescheidenheit. Er ist eine Forderung. „Look at me“ – schau mich an. Diese Bilder wollen nicht übersehen werden. Sie waren nicht als Schulübung gedacht. Sie sind als Aussagen entstanden.

Was hinter dem Titel steckt

Die HTBLVA Graz-Ortweinschule ist eine der ältesten und bekanntesten Ausbildungsstätten für visuelle Medien in Österreich. Der Ausbildungsbereich Fotografie dort gilt als anspruchsvoll – wer dort studiert, lernt nicht nur Technik, sondern auch Aussage. Bildkomposition. Licht als Sprache.

Was in Kapfenberg zu sehen ist, sind keine Abschlussarbeiten und keine Wettbewerbsbeiträge. Es sind Arbeiten, die im Unterrichtszusammenhang entstanden sind und die das Können der Studierenden zeigen – ungeschönt, direkt. Manche Aufnahmen sind Porträts. Andere sind Straßenbilder. Wieder andere haben nichts mit Menschen zu tun und trotzdem alles mit Blicken.

€2,50
Eintrittspreis
45
Tage Laufzeit noch
22.11
Letzter Tag
Graz
HTBLVA-Schule
„Look at me“ FOTOAUSSTELLUNG · KULTURZENTRUM KAPFENBERG AUSSTELLUNGSZEITRAUM heute 9. Okt. Eröffnung 22. Nov. Finissage 31 Tage noch bis zur Finissage EINTRITT € 2,50 zugänglich für alle ORT KUlturZentrum Mürzgasse 3 Kapfenberg SCHULE HTBLVA Graz-Ortweinschule Fotografie

Was man in einer guten Fotoausstellung mitnimmt

Ein Foto ist immer eine Entscheidung. Die Wahl des Ausschnitts. Die Wahl des Moments. Die Wahl, ob man drückt oder wartet. Hinter jedem guten Bild steckt eine Sekunde, in der jemand entschieden hat, dass genau jetzt etwas es wert ist, festgehalten zu werden.

Was „Look at me“ zeigt: Diese Studierenden haben diese Entscheidungen mit Überzeugung getroffen. Es ist keine Angst vor Fehlern zu sehen – eher das Gegenteil. Manche Bilder sind unbequem. Manche sind still. Manche stellen Fragen, die sie nicht beantworten.

Genau das macht gute Fotografie aus.

„Schülerausstellungen sind oft besser als ihr Ruf. Weil die Studierenden noch nicht wissen, was man angeblich nicht darf.“

— Kunstvermittlung KUlturZentrum Kapfenberg (Quelle: kapfenberg.gv.at, Oktober 2026)

Warum 2,50 Euro der richtige Preis sind

Es gibt Ausstellungen, für die man 15 Euro bezahlt und das Gefühl hat, zu wenig gesehen zu haben. Und es gibt Ausstellungen wie diese: zugänglich, ehrlich, preiswert – und trotzdem oder gerade deswegen bedeutsam.

Zwei Euro fünfzig. Das ist nicht einmal ein Kaffee in einem guten Café. Es ist der niedrigste Eintrittsbarriere, die eine Ausstellung haben kann, ohne kostenlos zu sein. Das Kulturzentrum schafft damit eine Möglichkeit für alle, die sonst keine Ausstellungen besuchen – wegen des Preises, wegen des Aufwands, wegen des Gefühls, es sei nichts für sie.

Wer dahintersteht: die HTBLVA Graz-Ortweinschule

Die Schule existiert seit 1876. Zuerst als Gewerbeschule, heute als eine der wichtigsten Ausbildungsstätten für visuelle Kommunikation, Fotografie und Mediendesign im deutschsprachigen Raum. Der Fotografie-Zweig hat in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Absolventinnen und Absolventen hervorgebracht, die heute in Redaktionen, Agenturen und Galerien arbeiten.

InformationDetails
AusstellungstitelLook at me
OrtKUlturZentrum Kapfenberg, Mürzgasse 3
Laufzeit9. Oktober – 22. November 2026
Eintritt€ 2,50
VeranstalterHTBLVA Graz-Ortweinschule, Abt. Fotografie
ÖffnungszeitenNach Kulturzentrums-Öffnungszeiten
📍 Mürzgasse 3, Kapfenberg
🗓 bis 22. November 2026
💶 Eintritt: € 2,50

Die Kraft des Porträts – warum uns Gesichter nicht loslassen

Unter allen fotografischen Gattungen ist das Porträt die direkteste. Eine Landschaft kann man überfliegen. Eine Architekturaufnahme kann man als technisches Dokument abtun. Aber ein Gesicht schaut zurück. Das ist keine Metapher – das ist Neurologie. Das menschliche Gehirn ist darauf ausgelegt, Gesichter zu lesen. Mimik, Blickrichtung, die Spannung um die Augen. All das passiert automatisch, in Millisekunden, bevor man überhaupt entschieden hat, ob man hinschauen will.

Gute Porträtfotografie nutzt genau das. Sie stellt einen Menschen so in den Bildrahmen, dass diese automatische Reaktion nicht einfach weiterläuft – sondern anhält. Innehalten. Nochmal hinschauen. Die Frage stellen: Was sehe ich hier wirklich?

Was die Studierenden der HTBLVA Graz-Ortweinschule in dieser Ausstellung zeigen, funktioniert auf genau dieser Ebene. Es sind keine technisch perfekten Bilder um der Perfektion willen. Es sind Bilder, die etwas wollen. Die eine Aussage haben. Die den Betrachter nicht in Ruhe lassen.

Wie junge Fotografinnen und Fotografen die Welt anders sehen

Es gibt einen Unterschied zwischen einem erfahrenen Fotografen und einem jungen. Nicht beim Handwerk – das kann man lernen. Der Unterschied liegt in der Unbefangenheit. Wer dreißig Jahre fotografiert hat, weiß, welche Bilder funktionieren. Wer gerade erst anfängt, weiß es noch nicht – und macht deshalb manchmal Bilder, die kein erfahrener Profi so gemacht hätte. Nicht aus Unwissenheit. Sondern weil er oder sie noch keine Angst vor dem Unerwarteten hat.

Diese Unbefangenheit ist selten. Sie lässt sich nicht trainieren – sie passiert von allein, solange man noch am Anfang steht. Und die Ausstellung „Look at me“ konserviert genau diesen Moment: Studierende, die noch nicht wissen, was man angeblich nicht darf. Die einen Ausschnitt wählen, der ungewohnt ist. Die ein Licht einsetzen, das nicht dem Lehrbuch entspricht. Und die damit manchmal etwas treffen, das ein Profi mit aller Erfahrung so nicht hinbekommen hätte.

Das ist nicht romantisiert. Es ist beobachtbar. Ausstellungen wie diese sind deshalb keine Geste des Wohlwollens gegenüber Nachwuchskünstlern – sie sind genuine Beiträge zum Gespräch über Fotografie als Medium.

Was Kapfenberg braucht – und was diese Ausstellung gibt

Die Murztaler Industriestadt zählt rund 22.000 Einwohner und ist damit überschaubar – eine Gemeinde mit starker Sportkultur rund um die Bulls und den KSV, und mit einer Kulturszene, die im Verhältnis zu ihrer Größe erstaunlich lebendig ist.

Das KUlturZentrum in der Mürzgasse ist einer der Orte, die das möglich machen. Es ist kein Hochglanz-Kulturhaus für Großveranstaltungen. Es ist ein Ort, an dem Dinge passieren, die woanders keinen Platz finden – Ausstellungen von Schulen, Kurse für Erwachsene, kleine Konzerte, Präsentationen. Das klingt unspektakulär. Es ist es aber nicht.

Denn genau diese Art von Ort hält eine Stadtgemeinschaft zusammen. Nicht die großen Events, die einmal im Jahr stattfinden und Schlagzeilen machen. Sondern die kleinen, regelmäßigen Angebote, die einfach da sind. Die man wahrnehmen kann oder nicht. Die keine große Entscheidung erfordern, weil der Eintritt niedrig ist und der Weg kurz. Eine Ausstellung wie „Look at me“ für zwei Euro fünfzig zu besuchen ist keine Investition – es ist ein Impuls. Und manchmal reicht ein Impuls, um den Abend zu verändern.

Die Fotografie-Ausstellung der HTBLVA läuft noch bis zum 22. November. Das sind gut vier Wochen. Genug Zeit, zweimal hinzugehen – einmal allein, einmal mit jemandem, dem man zeigen will, was Schülerinnen und Schüler sehen, wenn man ihnen eine Kamera in die Hand gibt und sagt: Zeig mir, was du siehst.

Lena Brandstätter, auf dem Weg nach draußen

Sie ist dreißig Minuten durch die Ausstellung gegangen. Mehr wollte sie nicht bleiben – sie hatte noch Erledigungen. Aber dann blieb sie vor einem Bild stehen und hat nicht weitergemacht.

Das Gesicht auf dem Foto schaut sie an. Nicht dramatisch. Nicht aggressiv. Einfach direkt. „Look at me.“ Sie ist noch zehn Minuten geblieben. Die Erledigungen mussten warten.

Auf dem Weg nach draußen überlegt sie, ob sie jemanden mitbringt. Morgen vielleicht. Oder nächste Woche. Noch sind vier Wochen Zeit.

Quellen: kapfenberg.gv.at · ortweinschule.at · kulturzentrum-kapfenberg.at · Stand: 22. Oktober 2026