Schlagerreise in die Vergangenheit – Big Band Kapfenberg heute Abend
Werner Radzik steht seit 18 Uhr im leeren Saal. In einer Stunde füllt sich alles. Imelda Baierl-Melma und Oliver Fadenberger singen Peter Alexander, Caterina Valente, Udo Jürgens – live, mit Orchester, ohne Playbacks.
Friedrich-Böhler-Straße 9, 18:03 Uhr. Werner Radzik legt die letzte Notenseite auf den Pult und schaut in den noch leeren Spiel!Raum. Zweihundert Stühle in Reihen. Kein einziger Besucher. In sechsundfünfzig Minuten beginnt das Konzert. Er dreht sich um, nickt dem Tontechniker zu. „Nochmal von vorne.“
Das ist keine Nervosität. Das ist Routine – eine Routine, die über vier Jahrzehnte gewachsen ist. Seit mehr als vierzig Jahren gibt es die Big Band in dieser Stadt. Generationen von Musikern sind durch dieses Ensemble gegangen. Manche spielten hier als Teenager, heute sitzen ihre Kinder in der ersten Reihe.
Heute aber ist etwas anders. Das Programm lautet: Schlagerreise in die Vergangenheit. Eine Reise durch die Jahrzehnte des österreichischen Schlagers, durch Klänge, die in keiner Playlist stehen, aber in jedem Gedächtnis einer gewissen Generation.
Was heute Abend passiert – und warum es sich lohnt
Zwei Solisten, ein Orchester, ein Abend. Imelda Baierl-Melma übernimmt die Frauen des goldenen Schlagerzeitalters: Caterina Valente, die Andrews Sisters, Connie Francis. Oliver Fadenberger singt Peter Alexander, Udo Jürgens, Bill Ramsey. Keine Kostüme aus dem Fundus, sondern echte Interpretation – jeder Song so aufgeführt, wie er in seiner Zeit gemeint war.
Baierl-Melma ist in der Region kein unbekannter Name. Sie tritt regelmäßig bei größeren Produktionen auf und bringt eine Bühnenpräsenz mit, die man im Fernsehen nicht erlebt. Fadenberger ist ein ähnlicher Typ: Stimme mit Geschichte, nicht nur mit Technik. Zusammen mit dem Orchester unter Radziks Leitung ergibt das ein Ensemble, das die Sprache dieser alten Musik versteht.
Das Besondere an Schlager dieser Epoche – und das ist es, was solche Abende funktionieren lässt – ist seine emotionale Präzision. Diese Lieder waren keine Kunstprojekte. Sie waren Kommunikation. Und diese Kommunikation funktioniert auch siebzig Jahre später noch, wenn sie richtig gespielt wird.
Das Programm: wer singt was
| Solist / Solistin | Interpretierte Künstler | Genre | Epoche |
|---|---|---|---|
| Imelda Baierl-Melma | Caterina Valente, Andrews Sisters | Schlager, Swing | 1950er–1960er |
| Imelda Baierl-Melma | Connie Francis, Wencke Myhre | Pop-Schlager | 1960er |
| Oliver Fadenberger | Peter Alexander, Udo Jürgens | Wiener Schlager | 1960er–1980er |
| Oliver Fadenberger | Bill Ramsey, Vico Torriani | Swing, Unterhaltung | 1950er–1970er |
Das ist kein zufälliger Mix. Radzik hat das Programm so aufgebaut, dass es eine Reise ist – chronologisch, mit Wendepunkten, mit Höhepunkten. Wer die Namen kennt, wird Momente wiedererkennen. Wer sie nicht kennt, lernt eine Musik kennen, die vor Jahrzehnten Österreich geprägt hat.
Caterina Valente allein ist ein eigenes Kapitel: Sängerin, Tänzerin, Gitarristin – mehrsprachig, mehrgenretauglich. In den 1950er Jahren war sie eine der meistgespielten Künstlerinnen im deutschsprachigen Radio. Peter Alexander dagegen war das Gegenteil von Valente: er war nicht vielseitig, er war präzise. Jedes Lied klang wie für ihn geschrieben.
„Wir wollen, dass die Leute nach Hause fahren und sagen: Das war kein Konzert, das war ein Abend.“
— Werner Radzik, musikalische Leitung Big Band Kapfenberg (Quelle: events.kapfenberg.at, Oktober 2026)
Vier Jahrzehnte Stadtorchester – was dahintersteckt
Die Big Band Kapfenberg ist kein Hobbyorchester im üblichen Sinn. Sie ist Bestandteil der Stadtkultur, finanziert über Mitgliedsbeiträge und projektbezogene Förderungen. Radzik leitet das Ensemble seit Jahren mit einem Ansatz, der sich von vielen anderen Stadtkapellen unterscheidet: kein reines Blasmusikprogramm, sondern große Bandbreite – von Jazz über Swing bis zu Schlagerabenden wie diesem.
Diese Vielfalt hat ihren Preis. Proben mehrmals wöchentlich, Aufwand für Arrangements, Solisten-Bookings. Aber sie hat auch ihren Ertrag: ausverkaufte Abende und eine treue Fangemeinde, die Jahr für Jahr wiederkommt.
Was diese Tradition trägt: Das Ensemble funktioniert als Archiv. Jede Besetzungsgeneration bringt ihre eigenen Einflüsse mit. Manche kamen als Jazzfans, andere als Klassiker, wieder andere über Popmusik. Was im Ergebnis entsteht, ist eine Interpretation, die alle Einflüsse verarbeitet hat.
Praktische Infos für heute Abend
Restkarten gibt es an der Abendkasse ab 18:30 Uhr – sofern noch welche vorhanden sind. Das Konzert dauert rund neunzig Minuten ohne Pause. Das Wetter heute Abend: kühl, möglicherweise nass. Wer nach dem Konzert noch auf ein Getränk bleiben möchte, sollte eine Jacke mitnehmen.
Warum Schlager keine Peinlichkeit ist
Es gibt eine seltsame Hierarchie in der Musikwelt. Jazz gilt als intelligent. Klassik als erhaben. Rock als authentisch. Und Schlager? Schlager gilt oft als das, worüber man lächelt – nicht lacht, aber lächelt. Etwas für Ältere. Etwas ohne Tiefe.
Das ist falsch, und Abende wie dieser beweisen es. Der österreichische Schlager der Nachkriegsjahrzehnte war keine Flucht vor der Realität, sondern eine Reaktion darauf. Nach dem Krieg, nach den Trümmern, nach dem Verlust wollten Menschen Melodien hören, die das Leben bejahten. Peter Alexander sang von Sommerwind und Liebe. Aber dahinter steckte etwas Ernsthaftes: der kollektive Wunsch, wieder zu leben.
Caterina Valente verstand das besser als die meisten. Sie sang auf Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch – und jedes Mal klang es echt. Nicht weil sie übersetzte, sondern weil sie die Haltung der jeweiligen Sprache verstand. Ihr Schlager war nie weich. Er hatte Rückgrat.
Heute Abend werden diese Lieder neu gespielt. Nicht als Nostalgie-Programm für Menschen, die sich an früher erinnern wollen. Sondern als Konzert, das zeigt, was diese Musik wirklich ist: handwerklich stark, emotional direkt, zeitlos in ihrer Struktur.
Was es bedeutet, in einem Ensemble zu spielen
Ein Orchester ist kein Team im sportlichen Sinn. Es gibt keine Punkte, keine Tabelle, kein Ergebnis. Aber es gibt etwas, das schwerer zu erreichen ist als jeder Sieg: Einigkeit im Klang. Der Moment, in dem zwanzig Musiker nicht mehr zwanzig einzelne Personen sind, sondern eine einzige Stimme.
Die Bläser der Big Band wissen das. Sie haben es gelernt – manche über Jahre, manche über Jahrzehnte. Das Saxofon rechts außen kennt den Trompeter neben ihm seit seiner Schulzeit. Sie müssen sich nicht ansehen, um zu wissen, was der andere gleich macht. Das nennt man Ensemblegefühl. Es entsteht nicht durch Talent allein, sondern durch gemeinsame Zeit.
Werner Radzik dirigiert ein Ensemble, das diese Zeit investiert hat. Die Proben laufen nicht nach Schema ab. Er stoppt, erklärt, wiederholt. Nicht weil die Musiker schlecht spielen, sondern weil Gut nicht dasselbe ist wie Richtig. Richtig heißt: jede Note sitzt genau dort, wo sie sitzen muss. Nicht ungefähr. Genau.
Was das Publikum heute Abend hört, ist das Ergebnis vieler solcher Probenabende. Es klingt leicht – das ist das Ziel. Leicht klingt nur, was schwer geübt wurde.
Der Saal, bevor er voll ist
Es gibt diesen besonderen Moment in jedem Konzertsaal, kurz bevor die Veranstaltung beginnt. Die Stühle sind besetzt, die Unterhaltungen laufen, jemand hustet. Das Licht ist noch an. Auf der Bühne passiert nichts Sichtbares. Und trotzdem hängt etwas in der Luft – eine Art kollektive Erwartung, die nichts mit Aufregung zu tun hat, sondern eher mit Bereitschaft.
Der Spiel!Raum in der Friedrich-Böhler-Straße kennt diesen Moment gut. Er ist kein riesiger Saal, und das ist sein Vorteil. Zweihundert Plätze bedeuten, dass jeder Platz nah an der Bühne ist. Man sieht die Finger der Pianistin auf den Tasten. Man sieht, wenn jemand tief Luft holt, bevor er singt. Intimität ist keine Frage der Entfernung – sie ist eine Frage der Aufmerksamkeit. Und dieser Saal zwingt zur Aufmerksamkeit.
Wenn Radzik an diesem Abend den Taktstock hebt, wird der Saal still werden. Nicht weil jemand „Ruhe bitte“ sagt. Sondern weil der erste Akkord kommt, und alles andere aufhört zu zählen.
Werner Radzik, kurz vor dem Beginn
Es ist 18:45 Uhr. Die ersten Besucher kommen herein, schauen sich um, suchen ihre Plätze. Manche sind alt genug, um diese Lieder zum ersten Mal gehört zu haben, als sie im Radio liefen. Manche sind jung genug, um sie nicht zu kennen – aber neugierig genug, um hier zu sein.
Werner Radzik steht jetzt hinter der Bühne. Er legt die Notenmappe zur Seite – er braucht sie nicht mehr. Nach vier Jahrzehnten kennt er diese Musik auswendig. In einer Viertelstunde hebt er den Taktstock. Dann beginnt die Schlagerreise.
