Die Falken von Kapfenberg und ihr Kampf um die Liga
Es ist ein Freitagabend im Franz-Fekete-Stadion, und ein Mann steht an der Seitenlinie, der diesen Rasen besser kennt als fast jeder andere. Michael Liendl hat hier als junger Spieler gelernt, was Kapfenberg vom Fußball erwartet. Jetzt steht er wieder da, nur mit einem Headset statt der Kapitänsbinde, und schaut auf eine Mannschaft, die am unteren Ende der Tabelle um jeden Punkt ringt. Die Falken sind kein Spitzenklub mehr. Aber sie sind etwas, das vielen großen Vereinen fehlt: ein Stück Stadt.
Vom Stahlwerk auf den Rasen: die Geschichte der Falken
Kapfenberg war immer eine Arbeiterstadt. Stahl, Böhler, Schichtwechsel: Der Fußball hier wuchs aus Fabriktoren, nicht aus Vorstandsetagen. Gegründet wurde der Verein 1919 als Kapfenberger SC, 1947 kam der Name Kapfenberger Sportvereinigung dazu. Rot-Weiß die Farben, Falken der Spitzname, die Mürztal-Stadt im Rücken. Der KSV 1919 ist damit einer der ältesten Klubs der Steiermark, und seine beste Zeit liegt gar nicht so weit zurück, wie man denken könnte.
In der Saison 2007/08 holte Kapfenberg den Meistertitel der zweiten Liga mit 66 Punkten und stieg in die Bundesliga auf. Vier Jahre lang, von 2008 bis 2012, spielten die Falken dann oben mit. Ein Spiel aus dieser Zeit erzählen sich die Älteren heute noch gern: ein 7:2 gegen den LASK, an einem Abend, an dem im Alpenstadion wirklich alles reinging. Danach ging es wieder runter, und seither ist die zweite Liga das Zuhause des Klubs geblieben. Fünf Zweitliga-Titel stehen in der Vereinsgeschichte. Das klingt nach mehr, als die aktuelle Tabelle vermuten lässt.
Das Franz-Fekete-Stadion: klein, alt, laut
Die meisten kennen es als Alpenstadion. Offiziell heißt es Franz-Fekete-Stadion, nach dem früheren Bürgermeister, und es wurde 1950 eröffnet. Rund 9.640 Zuschauer passen hinein, je nach Zählung auch etwas mehr. Das ist weit entfernt von den 28.600 Plätzen im Wiener Allianz Stadion oder der Red Bull Arena in Salzburg. Aber genau das ist der Punkt: In Kapfenberg sitzt man nah dran. Man hört die Zurufe von der Bank, man sieht die Gesichter der Spieler, und die treue Fanszene mit ihren Gruppen wie den REDS oder den Wilden Falken macht aus einer halbvollen Tribüne mehr Stimmung, als die Zahl erwarten lässt.
Wer schon einmal in einem kleinen Stadion war, kennt den Unterschied. In der großen Arena bist du Teil einer Masse. Im Alpenstadion bist du Teil eines Abends. Das ist kein Nachteil für Touristen, im Gegenteil: Ein Zweitliga-Spiel in Kapfenberg kostet einen Bruchteil eines Bundesliga-Tickets, und du bekommst echten österreichischen Fußball ohne Schnickschnack.
Die aktuelle Saison: Liendl und der Kampf nach unten
Im August 2026 übernahm Michael Liendl die Mannschaft, nach einem schwachen Saisonstart und als Nachfolger von Vladimir Petrovic, der in die sportliche Leitung der Akademie zurückkehrte. Für Liendl ist es die erste Station als Cheftrainer im Profifußball. Und es ist eine Heimkehr: Zwischen 2004 und 2009 trug er selbst das Trikot der Falken, machte laut Transfermarkt 159 Spiele und erzielte 37 Tore, wurde 2008 zu Österreichs Zweitliga-Fußballer des Jahres gewählt. Danach kam die große Karriere: Austria Wien, Wolfsberger AC, Fortuna Düsseldorf, 1860 München, der FC Twente. Jetzt steht er wieder dort, wo alles anfing.
Die Lage ist ernst. Kapfenberg steht im unteren Drittel der 2. Liga und kämpft gegen den Abstieg. Liendl hat laut Ligaportal-Interview ein klares Ziel formuliert:
„In der Winterpause auf einem Nichtabstiegsplatz stehen. Das muss einfach das Ziel sein.“ Michael Liendl, Cheftrainer KSV 1919, laut Ligaportal-Interview (30. Oktober 2026)
Interessant ist, worauf er dabei zuerst schaut: nicht auf die Offensive, sondern auf die Abwehr. Seit seiner Übernahme stehe vor allem die Defensive stabiler, so Liendl. Das passt zur Lage eines Abstiegskandidaten. Punkte holt man unten in der Tabelle selten durch Tore-Schießen, sondern durch Spiele, die man nicht verliert. Ein 2:2 auswärts ist für einen Klub wie Kapfenberg in dieser Saison oft mehr wert als ein knapper Heimsieg, weil es die Serie der Niederlagen bricht und das Nervenkostüm schont.
Und hier wird es konkret. Rechnet man die aktuelle Ausbeute hoch, zeigt sich, wie eng es wirklich ist. Bei rund 7 bis 8 Punkten aus den ersten elf Spielen liegt der Schnitt bei etwa 0,7 Punkten pro Partie. Für einen gesicherten Nichtabstiegsplatz in der 2. Liga braucht es über die Saison erfahrungsgemäß eher 1,2 bis 1,4 Punkte pro Spiel. Der Unterschied klingt winzig. Hochgerechnet auf die restlichen rund 19 Runden bis zum Saisonende sind das aber grob 10 bis 13 zusätzliche Punkte, die irgendwo herkommen müssen. Das ist die Lücke, die Liendl bis zum Winter verkleinern will. (Eigene Überschlagsrechnung auf Basis des Punkteschnitts; exakte Rundenzahl und Tabellenstand bitte vor Veröffentlichung am aktuellen Spieltag prüfen.)
Wie eng ist es wirklich? Ein Blick auf die Zahlen
Die folgende Tabelle vergleicht die aktuelle Lage der Falken mit dem, was am Ende meist zum Klassenerhalt reicht. Sie beantwortet die Frage, die jeden KSV-Fan gerade umtreibt: Wie viel fehlt?
| Kennzahl | Falken aktuell | Nötig für Erhalt |
|---|---|---|
| Punkte pro Spiel | ~0,7 | 1,2–1,4 |
| Tabellenregion | unteres Drittel | Platz < 14 |
| Trainer | Liendl (seit 08/26) | — |
| Hauptbaustelle | Offensive | — |
| Stärke zuletzt | Defensive | — |
Richtwerte sind Erfahrungswerte für die 2. Liga, keine fixe Grenze. Aktuelle Punkte und Platzierung am Spieltag verifizieren.
Punkteschnitt: aktuell vs. Ziel
Man sieht den Abstand sofort. Es ist keine Kluft, die unüberwindbar wäre. Es sind ein paar Prozent mehr Konstanz, ein paar Spiele weniger, die in der Schlussphase kippen. Genau deshalb redet Liendl so viel über die Defensive. Wer hinten dicht hält, verliert knappe Spiele nicht mehr, sondern holt wenigstens einen Punkt. Und Punkte sind unten die Währung, nicht schöne Tore.
Warum der KSV für die Stadt mehr ist als Tabellenplätze
Kapfenberg hat keine Weltstars. Die größten Namen der Vereinsgeschichte sind hier aufgewachsen oder durchgereicht worden, nicht teuer eingekauft. Aber der Klub ist eine Identifikationsfigur, und Liendl verkörpert das fast schon zu perfekt: der Junge, der hier anfing, die Welt sah und zurückkam. In einer Stadt, die ihre Stahlgeschichte mit Stolz trägt, passt so eine Geschichte besser als jeder Transfercoup. Die Falken sind das Wochenende vieler Familien, der Gesprächsstoff am Montag, der Grund, warum man im November überhaupt ins kalte Stadion geht.
Spieltag plus Ausflug: so kombinierst du es
Ein KSV-Spiel lässt sich ideal mit einem Tag in Kapfenberg verbinden. Vorschlag für einen Besuch:
- Burg Oberkapfenberg am Vormittag: Aussicht über das Mürztal, Greifvogelschau, Burgtaverne.
- Mürztal-Wanderung oder ein Spaziergang durch die Stahlstadt-Geschichte (Böhler-Industrieerbe).
- Franz-Fekete-Stadion am Abend: Zweitliga-Fußball hautnah, günstiges Ticket, echte Stimmung.
Die großen Jahre: als die Stahlstadt oben mitspielte
Um zu verstehen, was dieser Verein für die Region bedeutet, muss man zurückblicken. Die Spielzeit 2007/08 war der Höhepunkt: Mit 66 Punkten, 19 Siegen und 79 erzielten Toren holte die Mannschaft souverän den Titel im Unterhaus und kehrte nach Jahren in die höchste Spielklasse zurück. Für eine Stadt, die vom Stahl lebte und in der ein Fußballabend Schichtarbeiter, Familien und Pensionisten auf derselben Tribüne zusammenbrachte, war das mehr als Sport. Es war ein Stück Stolz.
Vier Jahre lang, von 2008 bis 2012, hielt sich die Elf dann im Oberhaus. Die Älteren erzählen bis heute von jenem Abend, an dem im Alpenstadion ein 7:2 gegen einen deutlich höher gehandelten Gegner gelang, ein Ergebnis, das in keine Form passte und genau deshalb unvergessen blieb. Es war der Beweis, dass auch ein kleiner Verein an einem guten Tag jeden schlagen kann. Danach ging es wieder abwärts, und das Unterhaus wurde zur sportlichen Heimat. Doch die Erinnerung an diese Jahre trägt die Fanszene weiter, von Generation zu Generation.
Gegründet wurde der Traditionsverein 1919, in einer Zeit, als in der Mürztal-Stadt die Schwerindustrie den Takt vorgab. 1947 kam eine Neugründung, seither tragen die Rot-Weißen ihren heutigen Namen und den Spitznamen „Die Falken“. Mehr als hundert Jahre Vereinsgeschichte bedeuten viele Auf- und Abstiege, aber auch eine Konstante: Der Klub ist immer der Stadt treu geblieben, und die Stadt ihm.
Das Alpenstadion: ein Ort mit Geschichte
Das Franz-Fekete-Stadion, von allen nur Alpenstadion genannt, wurde 1950 eröffnet und trägt den Namen eines früheren Bürgermeisters. Rund 9.640 Zuschauer passen hinein, je nach Zählung auch etwas mehr. Das klingt nach wenig, ist aber genau die richtige Größe für ein besonderes Erlebnis. Hier sitzt niemand weit weg vom Geschehen. Man hört die Zurufe von der Bank, das Klatschen der Fanblöcke, den dumpfen Ton, wenn ein Schuss das Außennetz trifft.
Die treue Anhängerschaft mit ihren Gruppen, darunter die REDS, die Wilden Falken und die Grauen Falken, sorgt dafür, dass selbst eine halbvolle Tribüne nach vollem Haus klingt. Fankultur in einer kleinen Stadt funktioniert anders als im großen Verein: Hier kennt man sich, man steht Woche für Woche am selben Platz, und das Trikot wird vom Vater an den Sohn weitergegeben. Für Besucher ist das ein ehrlicher, unverstellter Einblick in das, was Fußball jenseits der großen Arenen bedeutet.
Wer schon einmal in einem großen Stadion war und dann ein kleines erlebt, kennt den Unterschied. In der Arena bist du Teil einer Masse von Zehntausenden. Hier bist du Teil eines Abends, bei dem die Gesichter auf dem Rasen so nah sind, dass man ihre Anspannung sieht. Das macht einen Besuch auch für Touristen reizvoll, die sonst nie zu einem Fußballspiel gehen würden.
Warum sich der Besuch lohnt: Fußball trifft Region
Ein Spieltag in der Mürztal-Stadt lässt sich hervorragend mit einem ganzen Tagesausflug verbinden, und genau das macht die Kombination so attraktiv. Oberhalb der Stadt thront die Burg Oberkapfenberg, eine der schönsten Höhenburgen der Steiermark. Von hier reicht der Blick weit über das Tal, es gibt eine beeindruckende Greifvogelschau, und in der Burgtaverne lässt sich regional und bodenständig essen. Ein Vormittag auf der Burg, ein Nachmittag in der Natur, ein Abend im Stadion: So sieht ein runder Tag aus.
Dazu kommt die Industriegeschichte. Die Stadt war über Jahrzehnte vom Stahl geprägt, und dieses Erbe ist bis heute spürbar, in der Architektur, in den Namen, in der Mentalität der Menschen. Wer sich dafür interessiert, findet rund um das Böhler-Erbe und die Mürztaler Industriekultur reichlich Stoff. Wandernde zieht es in die sanften Hügel ringsum, wo gut markierte Routen durch Wälder und über Almen führen. Und wer es moderner mag, trifft bei Veranstaltungen wie den Chill-Hill-Events auf junge Kultur in alter Kulisse.
Diese Mischung ist das eigentliche Argument. Nicht der einzelne Tabellenplatz lockt Besucher von außerhalb an, sondern das Gesamtpaket: eine authentische Stadt, eine echte Fankultur, Natur, Geschichte und ein günstiges Ticket für Fußball zum Anfassen. In einer Zeit, in der Spitzenfußball immer teurer und distanzierter wird, ist das ein Gegenentwurf, den man so nur in kleineren Städten findet.
Vorschau: die Spiele, die über den Winter entscheiden
Die kommenden Runden gegen Gegner auf Augenhöhe sind für die Elf die wichtigsten der Hinrunde. Dort, gegen direkte Konkurrenten im Tabellenkeller, holt ein Abstiegskandidat die Punkte, die am Jahresende zählen. Verliert man diese Spiele, rückt der Nichtabstiegsplatz bis zur Winterpause in weite Ferne. Gewinnt man sie, ist Liendls erklärtes Ziel plötzlich greifbar. Was im Frühjahr passiert, hängt an diesem November.
Vielgestellte Fragen zum Kapfenberger SV
In welcher Liga spielt der Kapfenberger SV 2026/27?
Der KSV 1919 spielt in der 2. Liga, der zweithöchsten Spielklasse Österreichs. Der Verein kämpft in der Saison 2026/27 gegen den Abstieg.
Wer ist der Trainer des Kapfenberger SV?
Michael Liendl übernahm im August 2026 als Cheftrainer. Er war von 2004 bis 2009 selbst Spieler der Falken und erzielte in dieser Zeit 37 Tore. Für ihn ist es die erste Cheftrainer-Station im Profifußball.
Wie heißt das Stadion und wie groß ist es?
Die Falken spielen im Franz-Fekete-Stadion, besser bekannt als Alpenstadion. Es wurde 1950 eröffnet und fasst rund 9.640 Zuschauer.
Wann ist der Kapfenberger SV in die Bundesliga aufgestiegen?
Nach dem Zweitliga-Titel 2007/08 stieg Kapfenberg auf und spielte von 2008 bis 2012 in der Bundesliga. Danach kehrte der Verein in die zweite Liga zurück.
Kann man einen Stadionbesuch mit einem Ausflug verbinden?
Ja. Ein Spieltag im Alpenstadion lässt sich gut mit der Burg Oberkapfenberg, einer Mürztal-Wanderung und der Industriegeschichte der Stadt an einem Tag kombinieren.
Am Ende steht wieder der Mann an der Seitenlinie. Michael Liendl kennt diesen Platz, seit er ein Junge war. Ob er die Falken über den Winter rettet, weiß an diesem November niemand. Aber wenn man verstehen will, warum eine Stadt zu ihrem Klub hält, auch wenn er ganz unten steht, dann reicht ein Freitagabend im Alpenstadion. Den Rest erzählt die Tabelle schon selbst.
Thomas Wagner schreibt über Tourismus, Freizeit und regionale Themen in der Steiermark. Er kennt Kapfenberg und die umliegende Region seit vielen Jahren aus eigener Erfahrung — als Wanderer, Radfahrer und neugieriger Entdecker von Kulturgütern wie der Burg Oberkapfenberg oder der Rettenwandhöhle.
Sein Ziel ist es, Besuchern und Einheimischen gleichermaßen praktische und ehrliche Informationen zu geben: welche Wege sich lohnen, was die Region besonders macht und wie man das Mürztal abseits der ausgetretenen Pfade erleben kann.
